Judy asked 3 Monaten ago

Hallo, 
Ich überlege mir schon lange, mit einer Fachperson über meine jetzige Situation zu sprechen und hoffe auf diesem Weg eine erste Meinung zu bekommen.
Vor etwa einem Jahr habe ich meinen jetzigen Freund kennengelernt. Anfangs war es nur eine Freundschaft. Da er mir auch direkt von seinem Alkoholproblem erzählte, stand eine Beziehung für mich zuerst außer Frage. (Das liegt in erster Linie wohl daran, dass mein Vater schwerst Alkoholabhängig war und die Familie sehr darunter gelitten hat.)
Als ich meinen Freund kennenlernte, waren wir beide in einer depressiven Phase. Ich knabberte an der Vergangenheit mit meinen Vater und an seiner kürzlichen Kontakt Aufnahme zu mir. Und mein Freund hatte ebenfalls noch mit seiner Vergangenheit zu kämpfen. Wir haben uns so zu sagen gegenseitig Kraft geschenkt. Sehr viel geredet wobei auch Alkohol dabei war. Ich muss dazu sagen dass er damals in einem wirklich Gesundheits- bedrohlichen Zustand war. Er hatte einen BMI von 17, hat tagelang nichts gegessen und trank täglich bis zu 15-20 bier, wie sich später raus stellte. Er hatte vor 2 Jahren nach einer Trennung damit angefangen. Hatte seine feste Arbeit gekündigt und sich regelrecht kaputt gemacht. 
Eigentlich haben wir 3/4 unserer Zeit damit verbracht, ihn wieder einiger maßen auf die Beine zu bringen. Mittlerweile hat er 10 kg zugenommen, wiegt aber noch zu wenig. Er kann langsam seinen Hunger, den er vorher mit Bier weg getrunken hat, wieder wahrnehmen. Trinkt morgens erstmal Tee und versucht das Bier weitestgehend raus zu schieben. Mittlerweile trinkt er „nur“ 2-6 Bier am Tag. Das Problem ist nur dass er an manchen Tagen wieder großen Suchtdruck hat und dann glaub richtig rein leert. Ich merke es dann daran, weil er die typischen körperlichen Symptome wieder bekommt. Panik, Angstzustände, Schweißausbrüche.. dann meint er, er müsse sich wieder runter trinken.. das geht dann 5 Tage gut und es beginnt von neuem.
Während unserer Zeit hab ich viele Male gesagt, dass ich das so nicht kann.. es zieht mich runter, macht mich depressiv und ich fühle mich hilflos. Ich bin wirklich verzweifelt und weiß nicht was ich tun soll. Mittlerweile beeinflusst seine Krankheit mein Leben. Ich kaufe keinen Alkohol mehr für zuhause (nicht weiter schlimm). Nach der Arbeit schaue ich dass ich schnell heim komme und versuche etwas mit ihm zu unternehmen, damit er nicht auf „dumme“ Gedanken kommt.
Er sieht aber auch vieles mittlerweile von allein ein. Dass er aufhören muss, komplett. Dass er arbeiten gehen muss. Und er sagt, dass er am besten nur noch bei mir bleibt. Aber es ist doch auch keine Lösung sich von der Außenwelt abzuschotten. Wir reden auch oft über seine berufliche Situation und ich versuche ihn immer wieder dazu zu motivieren, sich doch endlich um Arbeit zu kümmern. Damit er am geregelten Leben teilnimmt. Wieder mit Menschen in Kontakt kommt die nicht nur in der Kneipe sitzen. 
Ich merke aber auch, dass er mir Dinge verheimlicht. Wenn er beispielsweise in der Kneipe war. Oder er steht auf und sagt er geht jetzt zu sich heim und kommt später wieder. Ist er dann wieder da, ist er völlig betrunken. Heute ist er mit Panik aufgestanden und ist direkt geflüchtet. Eine Stunde später höre ich wie er wieder völlig ruhig ist. Wahrscheinlich mit einigen Bieren zur Beruhigung. 
Es ist eine ewige Zerreißprobe für mich. Jeden Tag und jede Woche drehen wir uns irgendwo im Kreis. Wenn er fällt, reden wir darüber, ich sage ihm wie es mir dabei geht, er verspricht sich zu bessern und einige Tage geht es gut bis seine Langeweile wieder kehrt. Ihm fehlt ein regulärer Arbeitstag. Aber ich denke, er zweifelt auch an sich, ob er das wieder hin bekommt. Dann grübelt er und greift wieder zur Flasche. Nachdem ich ihn kennengelernt habe, kann ich mich da glaub schon gut in ihn rein versetzen. Aber ich bitte ihn auch ständig, dass er doch endlich was tun muss um auszubrechen aus diesem Kreislauf.
Was soll ich tun? Soll ich mich zurück ziehen und ihn einfach machen lassen? Das hab ich irgendwo versucht aber ich schaffe es nicht, weil er mir wichtig ist. In eine Therapie wollte er bereits gehen, hat alles vorbereitet, dann aber doch einen Rückzieher gemacht weil er es alleine schafgen will. Vor 2 Wochen hab ich nach langer Zeit ein ernstes Gespräch mit ihm gehabt und ihm gesagt, dass ich mir mit ihm so keine Zukunft vorstellen kann. Er hat dann tagelang nicht locker gelassen und mir wieder versprochen sich bis nächste Woche um alles zu kümmern. Ich glaube mittlerweile, nimmt er mich in der Hinsicht vllt auch nicht mehr ganz ernst. Muss ich ihm denn wirklich ein Ultimatum stellen. Ist das denn überhaupt sinnvoll wenn er danach direkt wieder zur Flasche greift?
Ich hoffe ihr habt einen Rat für mich und bedanke mich schon mal recht herzlich!
Liebe Grüße, Judy

1 Answers
Mike Staff answered 3 Monaten

Hallo Judy
 
Merci, dass sie den Schritt hier „gewagt“ haben und ihre Situation hier so persönlich geschildert haben. So wie sie einen Teil der Beziehung schildern, konnten sie sich beide sehr viel Halt und Kraft geben und es hat auf jeden Fall gute Veränderungen gegeben.
 
Aber andererseits war der Alkohol bzw. seine Abhängigkeit schon immer Teil der Beziehung und heute ist es nun so, dass sie schreiben „Mittlerweile beeinflusst seine Krankheit mein Leben.“ Ich denke es ist wichtig, dass sie – bei allen Gefühlen für ihn als wertvollen Menschen – realistisch bleiben bzw. werden: Sie sind in einer Dreiecksbeziehung (sie-er-Alkohol) gelandet, in welcher sie aus meiner Erfahrung immer nur die „Nr. 2“ sein werden. 
 
Ich glaube, dass all seine Beteuerungen und Veränderungswünsche ernst gemeint sind, aber leider wurde bisher noch absolut nichts Konkretes daraus. So wie sie ihn beschreiben kann ich mir zudem nur sehr schwer vorstellen, dass er ohne therapeutische Unterstützung vom Alkohol loskommen wird. Ich denke da überschätzt er seine momentanen Kräfte und Einflussmöglichkeiten massiv.
 
Aus meiner Sicht müssen sie sich die „harte“ Frage stellen, ob sie diese Beziehung – so wie sie jetzt ist – auch noch in 3-5 Jahren führen können und wollen, denn ich denke nicht, dass er da einen Ausstieg schafft – zumindest nicht so wie er es sich vorstellt. Sie haben schon jahrelange Erfahrung mit einem Abhängigem – ihrem Vater; wollen und können sie da wirklich noch „mitspielen“? So wertvoll er als Mensch ist, speziell für sie ist, so gefangen ist er in der Sucht und wenn er nicht konkret Hilfe Anspruch nimmt (nur davon sprechen ist nicht genug!), so wird dieses Spiel von Hoffen, Glauben, Bangen, Enttäuschung, Absturz, Wut und wieder Hoffen noch lange Zeit weitergehen.
Ich möchte ihnen einfach Mut machen, sich nichts vorzumachen, sondern der Realität klar ins Auge zu sehen und dann eine Entscheidung bzgl. Beziehung zu treffen. Vielleicht holen zuerst sie sich Unterstützung, um sich ihrer Gefühle und Gedanken klarer zu werden.
 
Liebe Grüsse
Mike