Alcorisk – Das Online-ForumKategorie: Fragen von Angehörigen, Freunden, ...Partner ist abhängig, ich bin über meine Gefühle komplett verwirrt
Lena asked 3 Monaten ago

Guten Tag,
 
ich habe dieses Forum beim Suchen gefunden und fand die Tatsache, dass man sich zunächst nicht anmelden und Teil der Community werden *muss*, sehr angenehm, vielen Dank dafür schon vorab!
 
Mir fällt schwer zu beschreiben, was genau ich an Rat suche. Ich versuche mich an einer Lagebeschreibung: ich bin weiblich, Anfang 30 und mein Partner ist alkoholabhängig. Er ist etwa gleich alt, geschieden, hat ein Kind, welches im Wechselmodell bei ihm ist und einen Rosenkrieg mit der Ex gibt es nicht. Aktuell wohnen wir noch nicht zusammen.
Das Ganze geht über ein Jahr, wobei wir (vor allem ich) immer die Hoffnung hatten, dass er es selbst in den Griff bekommt. Er trinkt, wenn er gestresst ist oder der Tag mies lief. Leider dann mehr als gut ist, auch wenn er immer meint, es wäre alles ok. Torkeln und komische Dinge reden oder einem alles mehrfach erzählen ist nicht ok. Er wird nie handgreiflich oder aggressiv, nur müde. Es ist schon einige male passiert, dass er aufgrund von Alkohol schlafend im Bett lag, wenn ich zu ihm kam oder bei mir war und mich z. B. mit Abendessen kochen überraschen wollte. An wachkriegen oder einen schönen Abend ist dann natürlich nicht mehr zu denken. Ich spioniere nicht nach, aber wenn, war eine halbe bis dreiviertel Flasche Wein weg oder eine halbe Flasche Wodka. Ich hab das angesprochen, dass ich das sch* finde, wenn es so lief und ich das nicht ewig mitmachen würde: nach Hause kommen, sich auf Partner freuen, der dann aber betrunken im Bett schläft. Er zeigt sich auch immer einsichtig und hat versucht, sich zu bessern. Leider nicht so erfolgreich.
Ich will nicht ewig herumreden, Stand jetzt ist: er geht es tatsächlich an. Hat sich bei den anonymen Alkoholikern angemeldet, führt Strichliste, hat allen Alkohol aus seiner Wohnung verbannt. Ich freue mich, dass er jetzt ernst macht und möchte/will/werde ihn unterstützen – nun jedoch mein großes Aber: es tut mir verdammt weh, wie er dazu kam, es jetzt (erst) anzugehen. Die Ex hat ihm verweigert, das Kind zu übergeben, als er mit Fahne dort auftauchte. Finde ich super von ihr und bin ihr absolut dankbar, aber gleichzeitig tut es verdammt weh, dass erst die Lage „Kind wegnehmen“ ihn dazu gebracht hat, aktiv etwas zu tun. War ich es seit über einem Jahr nicht wert, etwas zu tun? Hätte ich etwas anders machen sollen/müssen/können? Ich fühle mich momentan noch viel hilfloser und weiß nicht wohin mit meinen Gefühlen… es ist so viel… andererseits schäme ich mich, „neidisch“ auf den aktuellen Anlass zu sein, dass er etwas tut. Das Kind kann nichts dafür und es ist auch gut so, wie es ist. Ich weiß nicht… vor allem nicht, an wen ich mich jetzt mit diesen Gefühlen wenden soll. Zumal mein Partner der Meinung ist, es wäre ja sein Problem und mich betrifft es ja nur wenig. Hat er damit Recht? Übertreibe ich? Ich bin so ratlos…
 
Danke für das Lesen und viele Grüße

1 Answers
kathrin.kuhle Staff answered 3 Monaten

Liebe Lena
Gut, dass Sie sich bei uns melden. Unsere Plattform ist genau dafür da, dass man unkompliziert eine Frage formulieren kann.
Ich kann gut verstehen, dass Sie sich verletzt fühlen. Schon lange wünschen Sie sich, dass Ihr Partner etwas an seinem Alkoholkonsum ändert. Immer wieder wurden Sie enttäuscht, wahrscheinlich fühlten Sie sich auch nicht ernst genommen mit ihrem Anliegen. Die meisten Angehörigen leiden unter dem Suchtverhalten des Betroffenen, es ist nie nur „sein Problem“. Vielleicht hilft es, zu verstehen, dass es sich um eine Sucht handelt. Von der Substanz wegzukommen ist ein grosser Kraftakt für die Betroffenen. Manchmal braucht es sehr viel Druck, bis eine betroffene Person sich überwinden kann, etwas zu verändern. Die Situation zu verharmlosen um sich nicht damit auseinander setzen zu müssen ist eine häufige Strategie. Oft ist es ein längerer Prozess, bis jemand einsieht, wie sehr er sich und auch anderen schadet mit seinem Verhalten. Männer stellen sich oft auf den Standpunkt „ich bin ja nicht agressiv oder gar gewalttätig wenn ich trinke“ und wollen nicht wahrhaben, dass die Partnerin trotzdem leidet. Sie übertreiben keineswegs!
Nun hat Ihr Partner das Messer am Hals, weil die Mutter seines Kindes ihm dieses – zu Recht! – nicht mehr anvertrauen will, wenn er getrunken hat. Es geht hier unter anderem um die Sicherheit des Kindes und um sein seelisches Wohl. Mit grosser Wahrscheinlichkeit hat das Kind bereits unter der Situation gelitten. Es ist abhängig von seinem Vater. Es spricht für Ihren Partner, dass er endlich einsieht, dass er Hilfe braucht.
Versuchen Sie, die Situation des Kindes nicht gegen Ihre Situation auszuspielen. Ihre Gefühle als Partnerin sind absolut berechtigt, aber das Kind hat keine Wahl.
Wenn Sie merken, dass Sie dies weiterhin sehr beschäftigt, gibt es einerseits die Möglichkeit, als Angehörigen auf einer Suchtberatungsstelle darüber zu sprechen und emotionale Unterstzützunt zu erhalten. Andererseits ist es auch wichtig, mit Ihrem Partner über Ihre Gefühle zu reden.
Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute.
Kathrin