Alcorisk – Das Online-ForumKategorie: Fragen von Angehörigen, Freunden, ...Gibt es alternative Therapien zu Psychopharmaka
Anna asked 6 Monaten ago

Was macht man mit einem 43jährigen Angehörigen, der seit 15 Jahren von Vodka abhängig ist, kurzfristig in Suchtberatung und in einer Klinik war, der immer behauptet alles schon in den Griff zu bekommen, ständig um Geld bittet, da das Geld vom Sozialamt nicht reicht, immer wieder bei Freunden oder bei der Familie wohnt, da er nicht in der Lage war, eine eigene Wohnung in Stand zu halten, seit einem Jahr eine Freundin fand, die ihn ebenfalls mit grosser Liebe unterstützt und er das auch als letzte Chance aus seinem Trott rauszukommen, erkannt hat. Sie kommt aus einem anderen Land und er hat bereits 3 mal letztes Jahr eine gute Zeit dort verbracht hat. Diesen November flog er wieder zu ihr, im Wissen, dass das eventuell seine letzte Chance für ein gutes Leben ist, auch in beruflicher Hinsicht war etwas in Aussicht. Er hat es nicht gepackt, die Freundin ist nervlich am Ende. Sie ging mit ihm zu einem Psychiater, der ihm Psychopharmaka verschrieb, die er nahm, jedoch nicht vorschriftsgemäss und den Vodka dazu, was verheerende Wirkung hatte. Die Freundin dachte, er stirbt ihr in der Wohnung und fuhr ihn ins Spital. Dort kam er dann bald wieder zu sich. Wie gesagt, er sitzt jetzt im Flugzeug und landet hier ohne Geld, ohne Job, ohne Wohnung, da ich ihn nicht mehr aufnehmen kann und sollte. Die Einsicht, dass er etwas ändern sollte, fehlt. Er sagt, dass er ja gar nicht so viel trinkt, dass seine Freundin überreagiert und überhaupt sehr anstrengend ist, dass er sofort überall wieder einen Job findet (sind alles Jobs in der Akquise, wo nur im Erfolgsfall eine Provision bezahlt wird, sonst arbeiten die Leute dort gratis (was gesetzlich scheinbar in Ordnung ist), also immer unter finanziellem Druck. Sozialamt bezahlt nichts, das heisst, er müsste sich wieder neu anmelden. Fehler machen immer die anderen und das Schamgefühl immer um Geld zu betteln fehlt vollkommen. Ich bin nervlich ebenfalls am Ende und vor allem am Ende meines Lateins, alle Möglichkeiten sind sozusagen ausgeschöpft und es bricht mir das Herz jetzt zu wissen, dass er am Flughafen ankommt, nicht weiss wohin dass er gehen soll (mit Glück nimmt ihn vielleicht ein Kollege bei sich auf), ich habe eine 3 Zimmer Wohnung und er schlief jeweils auf dem Sofa im Wohnzimmer, doch das kommt jetzt nicht mehr in Frage. Er hat noch 200.00 Franken von mir gestern überwiesen erhalten. Mehr hat er nicht und ich bin auch nicht mehr Willens, weiter Geld zu geben. Bereits über 80’000.00 investiert über all die Jahre.  Ich möchte ihm jedoch eine Alternative aufzeigen, Adressen von Beratungsstellen, Therapie (möglichst ohne diese Psychopharmaka, die ihn jedesmal fast umbringen, erhöhte Suizidgefahr auslösen). Mein Sohn hat ein überaus gewinnendes Wesen, hervorragende Manieren und gepflegtes Auftreten. Er hat auch eine unglaubliche Fantasie und Kreativität, seine Verfehlungen zu entschuldigen und immer gute Gründe zu finden, weshalb er so und nicht anders handelt und die Dummen, die das alles nicht verstehen, sind die anderen. Er ist immer der Beste, das heisst, für mich liegt hier auch eine Persönlichkeitsstörung vor, die eventuell durch den Alkohol verursacht ist, oder auch nicht. Er hat eine Denkweise die den sogenannt „normalen“ Menschen nicht möglich ist und wir ihn deshalb auch nicht mit normalen Masstäben messen können.
Ob auch eine neurologische Abklärung helfen würde? Er wird sich auf keinen Fall in eine Klinik „versorgen“ lassen auf „Nie mehr wiedersehen“ und doch ist er unseres Erachtens sehr krank. Und natürlich bestehen bei uns auch immer die Gedanken, er könnte sich noch etwas antun, was er auch schon erwähnt hat. Was müssen wir oder können wir tun?

2 Answers
Antje.Mohn Staff answered 6 Monaten

Hallo Anna Gut, dass Sie sich hier gemeldet haben und sich Hilfe holen. Ich stelle mir vor, dass Die Situation für Sie sehr belastend ist und Sie sich grosse Sorgen um Ihren Sohn machen. Seit vielen Jahren ist er vom Alkohol abhängig und hat durch diese Krankheit auch sonst schon viele Probleme (Geld, Job, Beziehung…) bekommen. Dennoch behauptet er, alles im Griff zu haben und findet immer noch jemanden, der ihn \“rettet\“. Eine Krankheitseinsicht scheint er trotz allem bisher nicht zu haben. Das kann zum einen daran liegen, dass er keinen anderen Ausweg sieht als zu trinken oder weil er noch nicht bereit ist, seine Krankheit zu akzeptieren. Sie haben schon viel versucht, um ihm zu helfen und merken nun, dass Sie am Rande Ihrer Kräfte sind. Mit den bisherigen Strategien (ihm Geld zu geben, ihn bei sich aufzunehmen, ihn zu unterstützen) erreichten Sie nicht, was Sie erhofft haben. Und sie merken auch selbst: es ist eine Grenze erreicht (\“das kommt nicht mehr in Frage\“)! Für die Angehörigen ist es sehr hart, aber vielleicht ahnen Sie es ja auch schon selbst: es wäre wichtig, dass Ihr Sohn die Konsequenzen seines Konsums selbst \“ausbaden\“ muss. Meistens bringt die Abhängigen erst ein gewisser Druck zu einer Veränderung. Solange sie anders durchkommen und selbst wenig von den negativen Folgen spüren, gibt es für sie keinen Grund etwas zu tun. Konkret heisst dies, dass Sie ihm die Verantwortung zurückgeben müssen: für seine Wohnsituation, für seine finanziellen Verhältnisse und für seine Arbeitssuche. Weil das so schwer für die Angehörigen ist (was ich auch sehr gut nachvollziehen kann, weil da viele Ängste und Sorgen reinspielen), gibt es in den Beratungsstellen immer auch das Angebot für die Angehörigen, sich Unterstützung, Begleitung und Beratung zu holen. Das ist das eine, was ich Ihnen empfehlen möchte. Es hilft, wenn Sie jemanden haben, der Sie darin unterstützt, klar und konsequent zu sein. Sie dürfen und müssen Ihrem Sohn Grenzen setzen, und zwar Ihre Grenzen: Sie merken, was für Sie nicht mehr geht und diese Haltung gilt es Ihrem Sohn gegenüber klar zu vertreten. Er muss spüren, dass er nicht einfach so weitermachen kann, da sein Umfeld nicht mehr bereit ist, so weiter zu machen wie bisher. Das andere was Sie tun können ist, ihm zu sagen, dass er Hilfe braucht, da er krank ist. Er kann sich z.B. in einer Suchtberatungsstelle anmelden (da ich nicht weiss, wo Sie wohnen, müssten Sie im Internet schauen (Blaues Kreuz Schweiz, Sucht-Index Schweiz). Dort kann er zusammen mit einer Fachperson seine Situation besprechen und nach einer geeigneten Lösung suchen. Er muss sich für seine Sucht und für sein Suchtverhalten nicht schämen, da er krank ist. Aber er hat es selbst in der Hand, ob er da wieder heraus kommen möchte. Die Schritte dazu muss er selbst wollen und tun, das können Sie ihm nicht abnehmen. Sie können ihm dadurch helfen, dass Sie möglichst klar und bestimmt mit ihm sind, ihm Grenzen setzen, ihm die Verantwortung geben, statt ihn zu beschützen und indem Sie für sich selbst gut schauen! Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen viel Kraft und alles Gute für Ihren Weg.

Ilona answered 5 Monaten

Vielen Dank für Ihre einfühlsame Antwort. Es ist genau der Rat, den wir als Familie jetzt vollzogen haben im Vertrauen, dass er seine eigene Stärke findet und sich nicht zu schämen braucht, Hilfe zu holen. Informationen dazu hat er in grosser Fülle von uns bekommen.