Alcorisk – Das Online-ForumKategorie: Fragen von Angehörigen, Freunden, ...Alkoholkranke Mutter bricht alle Brücken ab
Kerstin asked 9 Monaten ago

Hallo,
 ich bin ein erwachsenes Kind (33) einer alkoholkranken Mutter. Sie raucht, seit sie 15 ist und trinkt übermässig Alkohol ca. seit ich 15 Jahre alt war, meine Mutter ist jetzt 66 Jahre alt. Sie hat seit Jahren körperlich stark abgebaut, hatte auch schon eine Varizenblutung, hat zweimal auf eigene Faust einen kalten Entzug zuhause durchgeführt, was jetzt nicht mehr funktioniert. 
Gründe kann man viele finden, sie hat seit der Geburt von meinen Bruder (36) nicht mehr gearbeitet und hatte daher nie eine geregelte TagesStruktur, seit wir Kinder selbstständig sind, hat sie keinen Lebenszweck mehr, mein Bruder wohnt 1Stunde von ihr weg, ich wohne 5h von ihr weg sogar im Nachbarland, sodass wir ihr zu weit weg vorkommen; mit ihrer Schwester ist sie zerstritten und hat seit Jahren keinen Kontakt; ihre eigene Mutter ist seit langem Pflegebedürftig und meine Mutter hat sich erst und sie zuhause gekümmert und jetzt verwaltet jetzt die Angelegenheiten rund um das Pflegeheim; Ehestreitereien gibt es, solange ich denken kann.  
Sie lebt mit meinen Vater zusammen und e er kümmert sich um alles im Haushalt. Inzwischen geht sie gar nicht mehr aus dem Haus, ist nur noch in ihrem Zimmer, schläft sehr viel. 
problematisch ist für die ganze Familie nun, dass ihre Kommunikation immer aggressiver wird. Meinem Vater schreibt sie z.b. Zettel „Ich will nicht mehr leben“ und wenn er dann zu ihr geht und fragt, wie es ihr geht, schickt sie ihn wütend weg, er solle sie nicht kontrollieren und sie bloss in Ruhe lassen. Meinen Bruder und mir schickt sie Nachrichten aufs Handy, in denen sie unsere Lebensführung entwertet, z.b., wenn wir Fotos schicken, was wir mit unseren Kindern oder Partnern erleben, schreibt sie, dass sie das gar nicht wissen will.
 Ich habe sie schon mehrmals darauf angesprochen, dass ich mir Sorgen mache, dass ich auch schon selber in einer Beratungsstelle war und dass ich sie auch zu einer Beratungsstelle begleiten würde. Sie reagiert darauf sehr gereizt, meint, wenn wir ihr nicht so Angst machen würden, hätte sie den nächsten kalten Entzug sicher schon geschafft, sie hat das schon selber unter Kontrolle, und solche Probleme könne man nicht auslagern. Mich nimmt das sehr mit und ich habe jedes Mal Angst, was jetzt für ein Kommentar kommt, wenn das Handy vibriert, aber auch, dass ich sie gar nicht mehr normal antreffen werde oder sie gar nie mehr sehen werde, weil ich mit meiner Familie in ihrem Zustand nicht mehr dort übernachten will und sie umgekehrt auch nicht mehr zu Besuch kommt.
 Wie kann ich mich besser abgrenzen emotional und dennoch eine Tür offen lassen, falls sie sich noch für Hilfe von aussen entscheidet? Ist es möglich, ihr zu zeigen, dass die Problemlösung mit dem alkoholentzug anfängt und nicht mit allen anderen Problemen?

1 Answers
Mike Staff answered 9 Monaten

Hallo Kerstin
 
vielen Dank für ihren offenen und persönlichen Beitrag. Ihre Geschichte zeigt leider ganz deutlich, wie die Abhängigkeit eines Familienmitglieds die ganze Familie betrifft und Leiden verursacht. Sich emotional klarer abzugrenzen und gleichzeitig „eine Türe offen zu lassen“ wird immer eine Gratwanderung sein, welche mal besser und mal schlechter funktionieren wird. 
Aus meiner Sicht ist es da hilfreich sich in erster Linie auf sich und ihre eigene Familie zu konzentrieren und zu überlegen, wieviel „Raum“ sie ihrer Mutter – und auch ihrem Vater – geben wollen. Wenn sie da klarer sehen, dann geht es darum diesen „Raum“ zu gestalten, d.h. zu schauen, was sie an Kontakt geben können und wollen.
Das bedeutet z.B. zu überlegen mit wem und wie häufig sie Kontakt haben wollen. Wenn ihre Mutter ja scheinbar nicht daran interessiert ist, was ihre Enkel erleben, so finde ich das sehr traurig, würde ihr dann aber auch keine Fotos mehr schicken, da dies ja nur wieder Stress bei ihnen auslöst.
 
Vielleicht braucht es auch noch ein Gespräch mit ihrer Mutter, in welchem sie deutlich machen, dass sie bereit sind sie zu unterstützen sofern sie etwas verändern will. Solange sie aber ihren Weg weiter gehe will, sie da nicht mitmachen und sich von ihr und ihrem Verhalten distanzieren.
Ich weiss, dass dies hart klingt – schliesslich geht es ja um die Familie – aber sie müssen sich und ihre eigene Familie schützen. Diese Aufgabe kann ihnen niemand abnehmen.
 
Ich wünsche ihnen viel Kraft
Mike